3. Rumänien, Land der Flüsse und Berge

Rumänien begrüßte uns direkt hinter der Grenze mit einer wilden Flusslandschaft und einem traumhaft schönen Stellplatz am Ufer des Mieresch-Flusses. Uns gefiel es auf Anhieb, hatten wir doch in Ungarn immer wieder nach solchen Plätzen Ausschau gehalten. Hier schien mehr Raum für nicht genutzte Flächen, brachliegende Felder und Auenlandschaften in unbebauten Flussdeltas zu sein. Wir wussten,  dass in Rumänien frei stehen erlaubt ist – und von den Rumänen auch selbst ausgiebig genutzt wird. Einige Tage verbrachten wir hier und genossen ein wildes, unberührtes Leben zu 6. Die Kinder konnten im flachen Fluss spielen und entdecken, abends gab es immer ein Feuer mit Waffeln, Stockbrot oder anderen Leckereien.

Unser erster Platz am Fluss - mit Feuerstelle und Minko
Heute wird das Waffeleisen überm Feuer ausprobiert – Nishas Geburtstagsgeschenk

An diesem Platz konnten wir zum ersten mal das Waffeleisen ausprobieren – Die Waffeln schmecken wunderbar… Viele neue Leckereien bereiten die Kinder nun mit Begeisterung zu. Holz fürs Feuer gibt es auch überall, und Feuer machen ist erlaubt da die Waldbrandgefahr gerade gering ist…

Das Waffeleisen bei Befüllung
Das Waffeleisen wird befüllt


Der Fluss ist relativ flach und lädt zum waten und spazieren ein – wir entdecken Inseln, Muscheln, rote Libellen die sich auch auf unsere Arme und Schultern setzen.

Aufbruch zum Baden und Spaziergang zur Insel
Waten im Flussdelta – mit Inselhopping

Wir folgen einige Tage dem Mieresch bis Arad, dann gehts in die Berge. Die Landschaft ändert sich und wird wild und einsamer, die Bergdörfer malerisch und abwechslungsreicher. Nachdem in Ungarn die Dorfbebauung recht geordnet war, baut hier jeder wie er will. In einem schönen Bergtal treffen wir Miriams Mama, die auf dem Weg in die Türkei ist. Nach einer abenteuerlichen Wegstrecke die zum ersten mal unseren Mogli völlig zerkratzt, da Bäume in den Weg stehen und die Äste fast einen Meter in die Windschutzscheibe hineinhängen kommen wir in eine Talsohle. Dies war früher Weidegrund der Gemeinde für die Hirten, heute – es ist Wochenende – tummeln sich die rumänischen Camper. Kleingruppen sitzen am Feuer und lassen es sich gut gehen, wie auf einem Campingplatz – nur eben ohne Anmeldung und ohne Gebühren. Die Nacht wird schlaflos, das ganze Tal bebt vom Bass der Musik unserer Nachbarn, der Vollmond steht am Himmel…


Nach 5 gemeinsamen Tagen geht es für uns alle weiter – Hatice fährt in die Türkei, wir Richtung Berge. Wollen etwas in die Karpaten fahren und landen am Rande eines schönen Nationalparks. Gleich am Eingang des Parks besuchen wir eine Höhle, haben Glück eine Führung zu bekommen. Im Frühjahr füllt sich die Höhle komplett mit Wasser und verschließt einen Raum, in dem sich früher öfters Separatisten versteckt hielten. Wir versuchen in diesem engen Tal einen Platz zum schlafen zu finden, aber keine Chance. Fahren deshalb weiter und entdecken nach langem suchen einen kleinen Campingplatz, auf dem schon eine polnische Familie – begeisterte Höhlenforscher, wie wir später erfahren – ihr Lager aufgeschlagen haben. Wir machen einen Tag Pause und genießen die Ruhe am Fluss, die Kinder erklimmen begeistert einen “kleinen” Felsen der direkt neben unserem Platz steht. Am nächsten Tag brechen wir zu unserem ersten Ausflug auf, möchten ein nahegelegenes Naturphänomen erkunden. Der wunderschöne Wanderweg bringt uns durch verlassene Bergdörfer und an strahlenden Wildkräuter Wiesen entlang, zu einer imposanten Eishöhle. Oben hat es noch 32°C, aber dann geht es ewige Stufen in einen Felsschlund. Unten angekommen ist es so bitter kalt, dass das Eis in der Höhle ganzjährig gefroren bleibt und die Lufttemperatur tagsüber höchstens 2°C erreicht. Brrrr…. Über den gefrorenen See betreten wir einen gigantischen Höhlendom.


Der Rückweg ist heiß und durstig. Die Trinkflaschen leer und kein Wasser weit und breit. Unsere Zungen kleben am Gaumen… Noch selten haben wir uns so auf unser Wohnmobil mit seinen leckeren Getränken gefreut 🙂

Am nächsten Morgen hören wir Dieseldröhnen von der weiter oben gelegenen Straße – was fährt denn da? Ein weiteres rotes Ex-Feuerwehrauto! Was für eine Freude… Die junge Familie tuckert herunter zu uns. Jan, Magdalena mit Sohn Leo und Tochter Antonia, sind seit zwei Jahren unterwegs und gerade auf den letzten Kilometern ihrer Reise, es geht nach Hause. Wir verstehen uns auf Anhieb sehr gut und stellen fest, dass sie genau in den Ländern unterwegs waren, die auch wir besuchen wollen. Während schönen und ausgiebigen Gesprächen erfahren wir viele für uns wichtige Dinge und beschließen spontan, unsere komplette Reiseroute/Planung auf den Kopf zu stellen.

Wie schnell sich die Dinge doch ändern können! Lassen wir uns überraschen…

Nach weiteren schönen Tagen an diesem Platz beschließen wir, aus dem Karpaten-Bogen heraus zu fahren und vorher Sibiu zu besichtigen. Allerdings kommen wir dort nie an, denn auf dem Parkplatz eines großen Baumarktes begegnet uns Aurelian. Er spricht fließend deutsch, war 11 Jahre im Land und hat nun in Rumänien seine eigene Baufirma eröffnet. Er erzählt uns von einer Gebirgsstraße die hier in der Nähe liegt, die Transalpina. Ohne die befahren zu haben, können wir hier nicht weg, sagt er. Kurz entschlossen lassen wir uns darauf ein und ändern die Route. Wir sind ihm sehr dankbar dafür, denn es war die beste Entscheidung. Dadurch genießen wir die Berge und einen wunderschönen Stellplatz am Ufer eines Stausees. Drei Tage hält uns dieser Platz, Okke ist krank und erholt sich, die Ruhe und Klarheit hier tut uns gut…


Völlig erholt brechen wir auf. Es wird aufregend, die Straßen winden sich in so engen Kehren den Berg hoch, dass wir ständig die Geländegänge nutzen, in jeder Steilkehre die komplette Straße samt Gegenspur befahren. Hoffentlich kommt uns niemand im falschen Moment entgegen…
Die Straße wird weiter oben sehr einsam, kaum Verkehr – wir machen Pause und essen während eines Gewitterschauers unser Mittagessen. Eiskalt bläst der Wind ums Auto. Unser Handy macht komische, uns völlig unbekannte Alarmgeräusche. Eine Übersetzung der eintreffenden SMS per Google translater besagt ungefähr folgendes: “Achtung vor extremen Unwetterereignissen in ihrem lokalen Gebiet. Schwere Sturmböen, heftiges Gewitter und Hagelerscheinungen mit Körnern in Golfball Größe sind zu erwarten. Suchen sie unbedingt Schutzräume auf und verlassen sie sofort das Gebiet. Zeitpunkt des Geschehens in etwa 5-10 Minuten”
Tja… Wir sind etwas ratlos, kein Baum oder Wald weit und breit, seit 45 Minuten fahren wir über der Baumgrenze und in 5 Minuten sind wir mit unserem Dickschiff nirgendwo… Also fahre ich uns mit dem Heck in den Wind, baue den Fensterschutz der Hecktür an und hoffe das wir zumindest vom Hagel verschont bleiben…

Eine Stunde später heißt es: wohl Glück gehabt. Außer etwas Regen nix gewesen 🙂 Die Sonne scheint wieder, wir atmen auf und fahren zum höchsten Punkt der Route.


Es wird langsam dunkel, am Horizont ziehen schon wieder Gewitterwolken auf – wir wollen einen Übernachtungsplatz auf einem flach gestreckten Bergrücken finden. Bevor wir allerdings dort sind, winken uns am Straßenrand ein paar Leute heraus und fragen, ob wir zufällig ein Schweißgerät dabei haben. Wirklich? 😉 Endlich wird es mal benutzt… Und so kommt es dazu, dass wir eine kleine Offroad-Geländewagen-Reisegruppe aus der Slowakei treffen. Einer ihrer Jeeps, ein Defender, hat einen gebrochen Achsschenkel. Kein guter Ort für eine Panne…

Alles wuselt aufgeregt durcheinander, Okke sucht sein Schweißgerät und die Flex raus, wühlt in den Dachkisten nach dem Schutzschirm… In welcher war der nochmal?… Alles ist etwas hektisch, da sich eine Gewitterfront nähert, der Sturm bläst schon kalt und unangenehm.
Endlich ist alles beieinander. Die Erwartungen oder Hoffnungen aller umstehenden Personen sind hoch. Doch der Inverter macht uns schnell einen Strich durch die Rechnung, er hat zu wenig Leistung. Es funkt kurz, aber schweißen können wir nicht…

Ratlose Gesichter, trotzdem finden wir eine Lösung. Alles in den Jeep gepackt. 7km zurück am höchsten Punkt des Passes hatten wir Restaurants mit Generatoren gesehen – vielleicht können wir dort den Achsschenkel schweißen. Oben angekommen treffen wir auf freundliche und hilfsbereite Gesichter – kein Problem, Strom heißt übrigens “Corrente”. Unter den wachsamen Augen des Jeepbesitzers schleife ich die Nabe fast durch und schweiße dann die Nut rundum zu. Am Schluss alles wieder rund flexen, da hier die Lauffläche des Radlagers ist. Wir bedanken uns für den Strom, packen zusammen und es geht zurück zu der Karawane.
In strömendem Regen wird die reparierte Radnabe eingebaut – ein erster Test ist positiv, der Defender fährt und das Rad hält… Strahlende Gesichter, Hände schütteln, drei Flaschen Wein und ein Schnapps sind unser Dank. Und wenn wir einst in Bratislava vorbeikommen sollten freuen wir uns auf ein Wiedersehen…
Kurz vor Sonnenuntergang kommen wir müde aber glücklich an unserem heutigen Schlafplatz an.


Am nächsten Morgen ist wunderschönes Wetter, wir entschließen uns für eine Wanderung zum nächst gelegenen Gipfel. Mogli steht auf 2100 m. Bei strahlendem Sonnenschein geht´s los, allerdings ziehen schnell Wolken auf, wir sind in dicke Watte gepackt. Ein Abenteuer, immer wieder zwischen Sicht und Nebel hier oben unterwegs zu sein…vor allem für die Mädls…


Beseelt verlassen wir noch am selben Tag die Karpaten.

Übrigens sind wir, wenn es nach Marie geht, immer noch nicht im Urlaub. Der beginnt für sie nämlich am Meer. Und das bekommen wir jeden Tag mehrmals zu hören: “Wann sind wir endlich im Urlaub?”

Auch der Rest der Bande freut sich auf das kalte Nass, denn die Temperaturen steigen stetig und eine Abkühlung wird immer sehnlicher erwünscht.

Der nächste Schlafplatz ist an einem Ortsnahen Flusslauf, Miriam hat einen Systemsturz und liegt mit schlimmen Kopfschmerzen im Bett. Das hält die Kinder nicht davon ab, durch das Wasser watend, die Gegend zu erkunden. Die Nacht ist ruhig und erholsam.

Nachdem wir Morgens an einem geweihten Kirchenbrunnen die Wassertanks aufgefüllt haben, verlassen wir Rumänien.

Wir können das Meeresrauschen schon hören.

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